Persönliche Erinnerungen/ Gedanken

Die Angst davor keine gute Mutter zu sein

21. März 2022

Triggerwarnung – körperliche Gewalt in der Kindheit

 

Hallo ihr alle,

heute möchte ich ein sehr intimes Thema ansprechen, welches mich schon viele Jahre beschäftigt, allerdings momentan mehr denn je. Ich hatte vor 2 Wochen wieder eine Stunde bei meiner Therapeutin und wir kamen auf meine Angst als Mutter zu versagen zu sprechen. Diese Angst habe ich schon seit der Geburt und sie wurde durch meine eigene, sehr kalte und gewaltvolle Kindheit geprägt. Ich fühle mich oft als Mutter nicht gut genug, empfinde mich als unfair und gemein in stressigen Momenten. Sicherlich eine normale Reaktion, dennoch löst sie in mir sehr viel aus. Ich muss ein bisschen ausholen, damit ihr meine Gedanken besser verstehen könnt, allerdings ist das keine leichte Kost.

Wenn Gewalt die Sprache wird

Als ich sehr klein war, war meine Welt noch in Ordnung. Mit Beginn der Grundschule veränderte sich aber grundlegend etwas und meine Mutter war stets gestresster und wurde von mal zu mal fieser, bis die Hand zum ersten Mal zuschlug. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, als meine Mutter mich wirklich über ihr Knie legte und mir wortwörtlich den Hintern versohlte. Ich fing an zu weinen, weil es wehtat und ich die Welt nicht mehr verstand und genau dafür gab es direkt einen weiteren Schlag. Aber da war die Hemmschwelle überschritten und diese „Züchtigung“ nahm zu. Oftmals begann es verbal, in dem meine Mutter sehr laut wurde und mich anschrie .. ich entwickelte irgendwann den Mechanismus, in diesem Momenten, meine Hände über den Kopf zu halten um so den Schlägen aus dem Weg zu gehen. Diese wurden dann aber einfach gewaltvoll entrissen und ich wurde am Kopf und ins Gesicht geschlagen.

Viele Jahre ging das so und meine Mutter machte auch keinen Halt davor mir Nasenbluten zu verpassen als ich auf meine Geburtstagsgäste wartete. Das war das einzige Mal, dass sie sich entschuldigt hat. Ich lebte mit einer extremen Narzisstin zusammen, die nicht in der Lage ist zu verstehen, dass SIE gerade falsch gehandelt hat, sondern in ihren Augen war immer ich das Problem. Würde man sie heute fragen, bin ich mir zu 10000% sicher, dass sie es nicht einsehen wird und mir weiterhin die Schuld für ihr Verhalten geben wird.

Die Wende kam als ich mutig wurde

Meine Mutter schlug mich aber nicht nur körperlich, sondern auch verbal. Ich war viele Jahre physischer wie psychischer Gewalt ausgesetzt, dagegen war das anbrüllen noch das harmloseste in all den Jahren. Aber zu diesen Themen werde ich in späteren Beiträgen noch etwas mit euch teilen.

Als ich 16 Jahre alt war und meine Mutter wieder einmal auf mich einschlug hielt ich es nicht mehr raus. Ich rannte zur Wohnungstür, riss diese auf und schrie laut um Hilfe. Meine Mutter zog mich zurück, knallte mir noch fast die Tür gegen den Kopf und sie war wieder zu. Das hat sie so sauer gemacht, dass sie ausholte doch diesmal griff ich ihr Handgelenk und drohte ihr, sollte sie mich noch ein einziges mal anfassen oder gar schlagen dann zeige ich sie bei der Polizei an. Da wurde sie recht kleinlaut. Ich war sicherlich nicht fehlerlos, klaute meiner Mutter Geld (aus Gründen – die dennoch nicht okay waren) und sie sagte dann zu mir, wenn ich das mache, dann zeigt sie mich wegen Diebstahls an. Ein Glück war ich in dem Moment so cool und meinte, dass sie das gerne tun kann, sie aber ebenfalls mit rechnen muss dass ich auspacke.

Ab da war der Spuk vorbei. Sie ließ mich in Ruhe und ich musste nie wieder auch nur einen Schlag von ihr aushalten. Als ich 17 war zog sie dann zu ihrem Freund und ich hätte durchatmen können, wenn der seelische Schmerz nicht noch lange nachhallen sollte .. Und kurz nach der Geburt meiner Tochter brach ich den Kontakt vollends zu ihr ab.

Die Sorge zu sein wie sie

Der Kontaktabbruch war einer der besten Entscheidungen meines Lebens und ich bereue diese Entscheidung bis heute nicht und habe auch kein Interesse daran das zu ändern. Ich habe aus Selbstschutz für mich, aber auch für meine Tochter, diese einschneidene Entscheidung getroffen. Aber auch, wenn viele Jahre vergangen sind, sie seit 16 Jahren nicht mehr solch eine Macht über mich hat, sind die Dämonen in mir. Anders, aber sie sind da.

Jedesmal, wenn es einen Konflikt mit Mia gibt und ich unfair werde (zu laut, sage vielleicht etwas gemeines im Affekt), dann sehe ich in ihrem kleinen Gesicht nicht nur Mia, sondern auch die kleine Yasmine. Ich fühle absolut das was Mia gerade empfindet, weil ich es als Kind ja selbst zu spüren bekommen habe. Somit ist es mir absolut immer ein Anliegen mich bei Mia zu entschuldigen. Denn oftmals ist es so, dass ich Stress habe und Mia ist dann der sogenannte Blitzableiter, weil sie mit einer Tat oder einer pampigen Antwort das Fass zum überlaufen gebracht hat. Aber nichts rechtfertigt dann solch einer Reaktion meinerseits.

Natürlich sind wir alle nicht fehlerlos, wir sind auch in Stresssituationen ganz gewiss unfair zu unseren Kindern, Partnern und auch Freunden. Allerdings steckt ein Erwachsener das besser weg (auch wenn es nicht der richtige Weg ist) als ein Kind. Oftmals bin ich auch einfach viel zu Streng mit ihr und dadurch dann nochmals mehr mit mir.

Mit der Pubertät beginnt die große Angst

Bei mir startete das Martyrium mit ca 6 Jahren und wurde nochmal schlimmer mit Eintritt in die Pubertät mit ca. 12 Jahren. Und genau deswegen triggert mich dieses Thema gerade ganz besondern. Meine Tochter ist jetzt Pre-Pubertär und verhält sich auch dem entsprechend angemessen. Hier mal ne pampige Antwort, da mal keinen bock und es folgen Widerworte. Nichts schlimmes also und ich denke, dass die „richtige“ Pubertät noch einiges mehr zu bieten hat.

Dies schürt aber direkt meine Angst. Was ist, wenn ich plötzlich maßlos überfordert bin und doch so werde wie meine Mutter? Ich verachte eine gewaltvolle Erziehung, niemals würde mir die Hand ausrutschen oder sonstiges. Bisher wurde ich „nur“ laut, aber auch das war noch im Rahmen. (Wenn auch aus meiner Sicht nicht angemessen) Immerwieder triggert mich die Angst so sehr, dass ich weinend hier sitze und mein Handeln mehr als überdenke.

Kann es passieren, dass ich zu gemein werde und zu psychischer Gewalt neige? Weil ich es ja irgendwie auch so gelernt und vorgelebt bekommen habe? Was ist, wenn man – obwohl man das Verhalten so sehr verachtet – doch viel zu viel adaptiert? Und der schlimmste Gedanke ist: Was ist, wenn meine Tochter später keinen Kontakt zu mir will oder das Gefühl hat, dass sie eine lieblose unschöne Kindheit hatte?

Ich bin nicht sie

Ich hatte ein sehr intensives Gespräch mit meiner Therapeutin und auch Freunde und Familie kennen diese Angst (und auch den Auslöser teilweise). Und wahrlich alle haben mich beruhigt, dass ich nicht im entferntesten so bin wie sie. Ich bin streng, aber in einem gesunden Maß. Meine Tochter hat einen großen Entfaltungsfreiraum und ab und an muss man sie an die Hand nehmen und ihr den Weg nochmals erklären, bevor sie bald in der Lage ist alleine abzubiegen. Ich liebe diese Kind so sehr und ich möchte verdammt nochmal alles richtig machen.

Ich selbst hatte einfach das beste Beispiel einer schlechten Mutter und wie man nicht mit seinem Kind umgehen sollte. All das Schlechte was ich erleben und fühlen musste, muss sie nicht fühlen, denn sie wächst so herzlich auf. Trotz der Trennung hat sie nicht das Gefühl haben müssen, dass Familie wegbricht. Sie wächst sehr behütet auf und genau das wünsche ich mir so sehr für mein Kind.

Ich wollte immer die heile Familie haben, die ich nicht hatte und alles besser machen. Der Gedanke der „perfekten“ Familie hat sich mit den letzten Jahren auch nochmal geändert und ich bin mit diesem sehr glücklich sogar. Perfekt gibt es nicht und es muss auch nicht klassisch Mama und Papa bis ans Lebensende sein. Familie heißt Vertrauen, Liebe und Verbundenheit. Ein Team zu sein. Und das sind wir. Ein ganz fantastisches Team.

Ich bin die Mutter die ich mir selbst gewünscht hätte

Wenn man mich fragt, kann ich sagen, dass ich keine perfekte Mutter bin. Dennoch bin ich die Mutter die sich unfassbar bemüht. Ich mache eine Therapie um meine Vergangenheit aufzuarbeiten und all die alten Probleme die ich mitnahm, wieder ins Gestern zu befördern.

Ich gebe mir die beste Mühe zuzuhören, nachzufragen, nachzufühlen und einfach da zu sein. Sie bekommt mit viel Liebe Brotdosen gepackt, es gibt immer einen kleinen Abschiedskuss auf die Stirn wenn sie geht und vor allem gibt es zu all den Regeln auch viele Ausnahmen. Ich probiere Wünsche zu erfüllen und tolle Momente zu schaffen.

Die letzten 2 Wochen waren in diesem Thema mehr als intensiv für mich, aber auch all die Jahre davor war es immer Thema. Aber so langsam kann ich mich angucken und mir selbst sagen und auch glauben (!) das ist nicht sie bin. Ich bin die Mutter, die ich mir selbst gewünscht hätte. Und es ist ein tolles Gefühl das endlich zu verstehen.

Ich bin eine ganz tolle Mutter geworden. Generell bin ich ein ganz toller Mensch geworden, denn ich bin empathisch, ich schaue lieber erstmal auf das Wohl anderer als auf meines (Aber Achtung, zuviel ist auch nicht gut) und von Gewalt als Taktik oder Ventil halte ich schonmal gar nichts.

Glaub an dich

Ich denke, es gibt viele Mütter da draußen mit ähnlichen Gedanken. Lasst euch nicht entmutigen, wenn ihr euch auch mal nicht der Mutterrolle gewachsen fühlt und denkt ihr seid nicht gut genug. Und wenn ihr vielleicht auch zu überfordert seid, sucht euch Hilfe und nehmt sie an. Das ist nicht schwach, sondern richtig stark. Der kleine Mensch in eurem Leben wird euch dann auch danken, glaubt es mir.

Puh. Es ist Wahnsinn was die Vergangenheit mit einem macht und was Dinge in der Kindheit alles auslösen können. Ich bin einfach froh, dass nach so vielen Jahren in meinem Kopf der Knoten geplatzt ist und diese Angst keine gute Mutter zu sein wesentlich kleiner geworden ist. Ich gebe dieser Angst nicht mehr viel Raum, dafür ist jetzt noch mehr Platz für Liebe, Verständnis und Geborgenheit frei geworden.

 

Alles Liebe,

eure Yasmine

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